Möglicherweise der wichtigste Mann des Abends: Grillmeister Michael Glebicki
Bei herrlichem Wetter trafen sich die Ehrenamtlichen des Kreis 74 zu einem kleinen Sommerfest. Zu lecker Grillwurst, handgemachten Salaten und Kaltgetränken wurde in wunderbar entspannter Atmosphäre das Buffet geplündert und geplaudert. So soll es sein. Schön auch, dass Mitarbeiter aus vier verschiedenen Gefängnissen von OWL dabei gewesen sind. So konnte manches beredet werden, wozu der Alltag oft keine Zeit lässt. Als Sondergast konnte ein agiles Eichhörnchen begrüßt werden, das in den Bäumen wohnt, unter denen das Sommerfest stattfand. Wegen des rundum großen Erfolges will der Kreis 74 auch im nächsten Jahr wieder seine Tore zu einem Sommerfest öffnen.
Vor 30 Jahren wurde der Begriff "Neue Ambulante Maßnahmen" geprägt. Damit bezeichnet man sozialpädagogische Reaktionen auf Jugenddelinquenz. Die Idee: Den Erziehungsauftrag des Jugendgerichtsgesetztes ernst nehmen und sinnlose Arreste verhindern. Die Instrumente: Betreuungen, Sozialstunden, Soziale Trainingskurse, Täter-Opfer-Ausgleich. Inzwischen ist die Wirkung dieser Maßnahmen mehrfach wissenschaftlich durchleuchtet worden - eine Erfolgsgeschichte.
Eine Pionierin der Neuen Ambulanten Maßnahmen ist Petra Peterich. Sie startete damit vor 30 Jahren in Uelzen und engagiert sich heute sehr direkt, indem sie junge Straftäter in ihre persönliche Obhut nimmt.
Nun ist Petra Peterich für den taz-Panter-Preis nominiert. Wir freuen uns sehr darüber und haben natürlich für sie gevotet. Aber lesen Sie selbst.
Heute wird unser ehrenamtlicher Mitarbeiter Martin Fels 70 Jahre alt. Wir gratulierem ihm ganz dolle und hoffen, dass er noch viele Jahre beim Kreis 74 so aktiv sein kann wie er es seit 1998 ist. Und aus Anlass seines Jubeltages schauen wir uns alle zusammen das WDR-Filmchen von seiner Arbeit mit Inhaftierten an:
Nichts Neues bietet der Blick in die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik. Wie im Vorjahr ist nicht nur die Gesamtzahl der erfassten Delikte geringer geworden, sondern auch in besonders relevanten Bereichen sind Rückgänge zu verzeichnen. Die Jugenddelinquenz ist dabei besonders auffällig, hier findet sich ein Minus von 9% bei Gewaltkriminalität, 9,4% bei schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie 10,1% bei Sachbeschädigung. Was gleichwohl fehlt, ist eine mediale Aufbereitung dieser Zahlen. Eher am Rande meldete das die Tagespresse, und die in Fragen der Jugendkriminalität sonst so stürmischen Medien wie BILD oder SPIEGEL ließen Titelschlagzeilen vermissen.
Vorn: Ehrenamtliche des Kreis 74, hinten: Eckhard Albert (AVD) und Regina Kopp-Herr (Beirat)
Einmal im Jahr verwandelt sich ein Gefängnishof der JVA Bielefeld-Brackwede in ein nettes kleines Sommerfest. Bei Limo, Grillwurst und Musik plaudern dann inhaftierte Frauen miteinander, und manche tanzen sogar, weil die Livemusik ins Blut geht. Eingeladen waren diesmal auch wieder Ehrenamtliche des Kreis 74, denen nicht nur eine leckere Grillwurst spendiert wurde, sondern auch eine Führung durch's Hafthaus. Seit Mai sind die Etagen nach einem neuen System belegt. Nach anfänglichen Bedenken der inhaftierten Frauen äußern sich nun sowohl Inhaftierte als auch Bedienstete positiv über einige Auswirkungen der inhaltlichen Neustrukturierung. Beim nächsten Sommerfest werden wir uns einen abschießenden Befund abholen.
Seit Herbst 2002 befindet sich in der Bielefelder Borsigstraße das Drogenhilfezentrum (DHZ). Hier erhalten Drogenkranke unkonventionell Beratung und Unterstützung. Das angegliederte Café ist eines der so genannten niedrigschwelligen Angebote des DHZ, hier können bis zu 50 Personen essen und trinken. Seit sieben Jahren verfügt die Einrichtung außerdem über einen Drogenkonsumraum, wo illegale harte Drogen unter medizinischer Aufsicht konsumiert werden dürfen.
Dienstag, den 29. Juni 2010, 19 Uhr werden die Ehrenamtlichen des Kreis 74 das DHZ besuchen.
Zufriedene Gesichter nach einem mehrstündigen Besuch: Ehrenamtliche des Kreis 74
Wenn die Ehrenamtlichen des Kreis 74 verreisen, dann geht es immer um Information und Weiterbildung. Diesmal besuchte eine kleine Gruppe unserer Aktiven die forensiche Klinik in Stemwede, das Schloss Haldem. Diese Einrichtung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ist ein Fachkrankenhaus für suchtkranke Straftäter und somit eine Maßregelvollzugseinrichtung. Zuständigkeit: Alkoholkranke, tabletten- und drogenabhängige Straftäter, die im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm untergebracht werden müssen. Rechtsgrundlage: Gerichtliche Verurteilung nach § 64 Strafgesetzbuch oder vorläufige Unterbringung nach § 126a Strafprozessordnung bzw. zur Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens gemäß § 81 Strafprozessordnung. Soweit die trockenen Fakten. Unser Besuch hingegen war war vornehmlich praxisorientiert. Die Gespräche mit Patienten und Mitarbeitern waren sehr aufschlussreich. Der Besuch hat sich zweifellos gelohnt und wäre durch keine Lektüre zu ersetzen gewesen. Wir danken den engagierten Mitarbeitern von Schloss Haldem für ihre Gastfreundschaft.
Kaum geschehen Verbrechen, diesmal sexueller Missbrauch, wird eine "Kultur des Hinschauens" gefordert. Der ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein geht der Karriere der politischen Floskel nach.
Seit Wochen lese ich in den Zeitungen nahezu täglich die Formulierung »Kultur des Hinschauens«, meist in Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch an Schulen. Das, was gegen sexuellen Missbrauch an Schulen hilft, ist angeblich eine Kultur des Hinschauens. Falls dies tatsächlich der Fall sein sollte, bin ich sofort dafür. Leider verzichten Personen, die diese Formulierung verwenden, meist darauf, zu erklären, was eine Kultur des Hinschauens eigentlich ist und wie man sich solch eine Kultur konkret vorzustellen hat. »Hinschauen« allein scheint ja keineswegs zu genügen. Es muss noch eine »Kultur« hinzukommen. Die einzige politische Forderung, die in Deutschland nach 1945 jemals ähnlich häufig zu hören war wie die nach einer Kultur des Hinschauens, ist nach meiner Erinnerung die Forderung nach der Wiedervereinigung gewesen.
Ich wollte herausfinden, wer die Formulierung »Kultur des Hinschauens« oder auch »Hinsehens« erfunden hat. Im März 2009, nach dem Amoklauf von Winnenden, forderte unter anderem der Bund Deutscher Kriminalbeamter eine derartige Kultur. Mit ihr würde so ein Verbrechen nicht wieder vorkommen. Dr. Hermann Kues, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, hat, ebenfalls 2009, die KdH zum geeigneten Mittel erklärt, um Gewalt gegen alte Menschen zu verhüten: »Wir wollen eine Kultur des Hinschauens etablieren.« Allerdings wurde bereits im September 2008, nach einer Gewalttat, in der Stadt Offenbach die »Kampagne für eine KdH« gegründet.
Dann dachte ich, dass, lange vor Offenbach, Angela Merkel diese Formulierung erfunden hat. In ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2007 sagte sie nämlich: »Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens, nicht des Wegschauens.« Tatsächlich hat aber ein paar Monate vorher, im Juni 2007, die Schweizer Nationalrätin Evi Allemann in einer Rede zur Jugendgewalt wörtlich den gleichen Satz gesagt! Angela Merkel ist quasi die Helene Hegemann der KdH, und Evi Allemann ist quasi der Blogger Airen.
Evi Allemann wiederum könnte sich beim Deutschen Lehrerverband bedient haben, der im November 2003 folgende Grundsatzerklärung abgab: »Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens.« Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat sogar schon 2001 in einem Interview zum Thema Jugendgewalt eine »Kultur des Hinsehens« gefordert. Und in Bielefeld gibt oder gab es in den öffentlichen Verkehrsmitteln offenbar sogar ein Logo, das die KdH bildlich zu beschreiben versucht, man muss sich die KdH demnach als einen Punkt vorstellen, der von einem Halbkreis umgeben ist, darunter steht der Satz: »Wir schauen hin.« Meinen ältesten Fund aber verdanke ich der Zeitschrift Kriminalistik die im Januar 1996 einen Aufsatz von Angela Behring, Alexandra Göschl und Sylvia Lustig veröffentlichte, Titel: Zur Praxis einer Kultur des Hinschauens. Motivationslagen und Handlungsformen von Angehörigen der bayerischen Sicherheitswacht.
Man kann also sagen, dass seit mindestens 15 Jahren bei jeder auffälligen Gewalttat, und zwar mit zunehmender Tendenz, die Kultur des Hinschauens gefordert wird. Sie will aber einfach nicht kommen, oder vielleicht ist sie sogar längst da, aber sie nützt nichts. Es ist leider auch ziemlich unklar, wie sie aussieht. Deshalb hier, zum ersten Mal, eine verbindliche Definition: »Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens« ist das, was man seit 1996 in Deutschland sagt, wenn man zu einem grauenvollen Verbrechen irgendetwas sagen möchte oder kraft Amtes muss, aber man weiß beim besten Willen nicht, was.
Schweigen ist ja unmöglich.
Wir danken der ZEIT-Redaktion für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung in unserem Weblog. Harald Martensteins kluge Kolumenen erscheinen regelmäßig im ZEITmagazin
Eine Erklärung aller Bielefelder Wohlfahrtsverbände:
Oberbürgermeister Clausen hat es am 1. Mai erneut öffentlich betont – in Bielefeld lebt jedes vierte Kind in Armut, das sind fast 10 000 Kinder und Jugendliche im Alter unter 15 Jahren. Aus der Sicht der Wohlfahrtsverbände ist dieser skandalöse Tatbestand nicht mehr hinnehmbar. Der Rat der Stadt muss schnell entscheiden, damit endlich Hilfe für die benachteiligten Kinder und Jugendlichen schnell und unbürokratisch möglich wird. Wenn der zukünftige Vorsitzende von Arminia Bielefeld, Stadtwerke Geschäftsführer Wolfgang Brinkmann, am vergangenen Wochenende ebenfalls sechs Mio. Euro von der Stadt Bielefeld zur Rettung seines Vereins verlangt, sehen sich die Wohlfahrtsverbände im Recht, ja geradezu herausgefordert, ebenfalls diesen kommunalen Beitrag zur Armutsbekämpfung zu fordern. Es muss klar werden, um welche Entscheidung es eigentlich geht: Chancengleichheit und Bildungsförderung für Kinder und Jugendliche oder kommunale Mittel für einen seit Jahren schlecht planenden und wirtschaftenden Verein, dessen Zukunft keineswegs gesichert ist. Die Wohlfahrtsverbände sind von der Ampel-Koalition mit einer Festschreibung der Zuschüsse für die Soziale Arbeit belegt worden – Mittelsteigerungen trotz zunehmender sozialer Aufgaben seien nicht finanzierbar. Das heißt aber faktisch ein Finanz-Minus von 6 – 8 % über die nächsten drei, vier Jahre. Tarifsteigerungen sollen – wie bisher immer möglich und politisch gewollt – in Zukunft nicht mehr von der Kommune übernommen werden, die MitarbeiterInnen der Verbände werden damit von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgekoppelt. Beschäftigen die sozialen Verbände Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zweiter Klasse? Um weiterhin Tariflöhne zahlen zu können, müssen die Verbände ihre Leistungen der Daseinsvorsorge, Beratung und Begleitung für Kinder, Jugendliche, Alte und Menschen mit Behinderungen in den nächsten Jahren einschränken. In internen Gesprächen haben uns die Fraktionsspitzen trotzdem um Einsicht in die Zwänge einer katastrophalen Haushaltssituation der Stadt Bielefeld gebeten. Man werde öffentlich die politische Verantwortung dafür übernehmen. Dazu haben wir bisher jedoch nichts gehört. Die Informationen zum Sachstand Arminia-Krisenhilfe sind unübersichtlich: Einerseits wird über Verhandlungen mit der Regierungspräsidentin berichtet, andererseits hören wir aus der Politik, eine Entscheidung werde überhaupt nicht kurzfristig fallen. Das Brinkmann’sche Sanierungskonzept für Arminia Bielefeld sei ja noch nicht bekannt. Die Wohlfahrtsverbände in Bielefeld fordern die Fraktionen im Rat der Stadt auf, genau zu prüfen und sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst zu sein, mit welchen Argumenten und wofür zusätzliche kommunale Mittel angesichts eines Defizits von fast 150 Mio. Euro und einer Nothaushaltssituation gezahlt werden. Eine systematische Armutsbekämpfung muss Vorrang haben vor einer Finanzhilfe für Arminia Bielefeld!
Achtung Bielefeld, der Kreis 74 hat Tausende Bücher zu verschenken! Im Forum Jahnplatz sind die Bücher auf 60 Quadratmetern Fläche aufgestellt und warten auf ihre Leser. Wer uns einen Euro schenkt, darf sich dafür ein Buch aussuchen.
Eine gute Idee für eine gute Sache.
Für ein anschwellendes Raunen im Feuilleton sorgte das literarische Debüt des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach. Sein Buch »Verbrechen« ist seit einem halben Jahr auf dem Markt und über 80.000 Mal verkauft. Außerdem sind die Rechte schon in 20 Länder vergeben. Damit ist das Buch eines der am häufigsten ins Ausland verkauften deutschsprachigen Debüts überhaupt.
Warum dieser Erfolg? Weil hier Kriminalstories geboten werden, die wahre Geschichten sind? Weil hier die virulente Faszination des Verbrechens bedient wird? Vielleicht. Aber wer einen der kurzen Berichte nach dem anderen liest, liefert sich einer Erfahrungsvermittlung aus, die Nachdenklichkeit erzeugt. Übliche Schwarz-weiß-Statements funktionieren plötzlich nicht mehr, denn wir erfahren mehr über Ursachen und Hintergründe von Verbrechen, als es ein Jahr sorgfältige BILD- oder SPIEGEL-Lektüre zu vermitteln vermag. Und dass von Schirach dabei eine geradezu trinkwasserklare Sprache benutzt, macht ihn umso glaubwürdiger. Auch lohnt es sich, in seinen Texten auf feine sprachliche Details zu achten. Wichtiges wird wie beiläufig erwähnt und damit eine Textatmosphäre aufrecht erhalten, die ausdrücklich zu loben ist. Kurzum: Gutes Buch. Lesen!
Wer mag, kann sich hier die erste der Geschichten vom Autor vorlesen lassen:KLICK!
Ferdinand von Schirach, "Verbrechen", € 16,95, ISBN: 9783492053624
Der Präsident des Bundesgerichtshofs (BGH), Klaus Tolksdorf, hat vor einer "Sicherheitshysterie" im Umgang mit Gewaltverbrechern und Sexualstraftätern gewarnt. "Der Rechtsstaat funktioniert und schützt seine Bürger, ohne dass es einer weiteren Verschärfung der Gesetze bedürfte", sagte Tolksdorf am Donnerstagabend beim Jahrespresseempfang des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Der BGH-Präsident beklagte, dass fast jedem größerem Verbrechen "reflexartig" der Ruf nach schärferen Gesetzen folge. Die Rechtslage bei der Sicherungsverwahrung gleiche inzwischen einem "Flickenteppich" aus kurzatmigen und oft populistischen Gesetzesänderungen. Seit Jahren lebten die Bürger in Deutschland jedoch "sehr sicher", betonte Tolksdorf. Die Zahl der Gewalt- und Sexualdelikte sei eher rückläufig. Die in der polizeilichen Kriminalstatistik registrierten Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs seien auf dem niedrigsten Niveau seit Jahren. Dennoch habe sich seit 1993 die Zahl der in Sicherungsverwahrung untergebrachten Straftäter verdreifacht. Tolksdorf betonte, dass jede einzelne Gewalttat eine zu viel sei und kaum vorstellbares Leid der Opfer und von deren Angehörigen verursache. Dennoch müsse einer "unangemessenen Hysterie" bei der Sanktionierung der Taten entgegengetreten werden. (ddp)
AB IN DEN KNAST
ist ein Weblog
des Kreis 74 e.V.
Und wieso heißt das Weblog AB IN DEN KNAST? Werden damit Leute zitiert, die glauben, man könne durch möglichst viel und möglichst dauerhaftes Wegsperren besonders erfolgreich Kriminaltiät verhindern? Ja, vielleicht. Aber vielleicht spielt der Titel nicht nur auf dies falsche Denken an, sondern nimmt unsere Arbeit ernst, denn wir gehen täglich in den Knast. Was wir dort machen und was wir außerdem machen, davon erzählt dieses Weblog.